Jüdisches Berlin

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20 Jahre hat die Lyrikerin Mascha Kaléko in Berlin gelebt. In den goldenen 20iger Jahren war sie der aufgehende Stern am Berliner Literaturhimmel und verkehrte – wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Walter Mehring, Klabund und viele andere – im Romanischen Café an der Gedächtniskirche. In einfachen Verhältnissen war sie im Scheunenviertel aufgewachsen, hatte eine Bürolehre absolviert bevor sie bekannt wurde.

Mit ihren Gedichten traf sie den Nerv der Zeit. Sie skizziert Berliner Alltagsleben, Freundschaften, Liebesbeziehungen und auch viele Berliner Orte finden in ihrer Gebrauchslyrik Niederschlag:

Sie beschreibt die Armut im Scheunenviertel, erzählt vom Lebensgefühl einer Büroangestellten, widmet ihrem Lieblingscafé ein Gedicht und sehnt sich in der Emigration in Amerika nach Berlin zurück. In dieser Zeit entstehen Gedichte, die vom Savignyplatz, von der Uhlandstraße – von den Folgen von Flucht und Vertreibung, den Verlust der Sprache und des Heimatortes erzählen.

Interview mit mir selbst

Anno Zwounddreißig

Ich bin als Emigrantenkind geboren
In einer kleinen, klatschbeflißnen Stadt,
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.

Mein meistgesprochnes Wort als Kind war „Nein“.
Ich war kein einwandfreies Mutterglück.
Und denke ich an jene Zeit zurück –
Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.

Im Ersten Weltkrieg kam ich in die achte
Gemeindeschule zu Herrn Rektor May.
Ich war schon sechs, als ich noch immer dachte,
Daß, wenn die Kriege aus sind, Frieden sei.

Zwei Oberlehrer fanden mich begabt,
Weshalb sie mich, zwecks Bildung, bald entfernten.
Doch was wir auf der Hohen Schule lernten,
Ein Volk "die Arier" ham wir nicht gehabt.

Beim Abgang sprach der Lehrer von den Nöten
Der Jugend und vom ethischen Niveau.
Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten.
Ich aber leider trat nur ins Büro.

Acht Stunden bin ich dienstlich angestellt
Und tue eine schlechtbezahlte Pflicht.
Am Abend schreib ich manchmal ein Gedicht.
Mein Vater meint, das habe noch gefehlt.

Bei schönem Wetter reise ich ein Stück
Per Bleistift auf der bunten Länderkarte.
An stillen Regentagen aber warte
Ich manchmal auf das sogenannte Glück.

PostScriptum
Anno Fünfundvierzig

Inzwischen bin ich viel zu viel gereist,
Zu Bahn, zu Schiff, bis über den Atlantik.
Doch was mich trieb, war nicht Entdeckergeist,
Und was ich suchte, keineswegs Romantik.

Das war einmal. In einem andern Leben.
Doch unterdessen, wie die Zeit verrinnt,
Hat sich auch biographisch was ergeben:
Nun hab ich selbst ein Emigrantenkind.

Das lernt das Wörtchen "alien" buchstabieren
Und spricht zur Mutter: "Don't speak German, dear".
Muß knapp acht Jahr alt Diskussionen führen,
Daß er "allright" ist, wenn auch nicht von hier.

Grad wie das Flüchtlingskind beim Rektor May!
Wenn ich mir dies Dacapo so betrachte …
Er denkt, was ich in seinem Alter dachte:
Daß, wenn die Kriege aus sind, Frieden sei.

(aus: Mascha Kaléko: Die paar leuchtenden Jahre, München 2003, S 63f)

Zu Mascha Kaléko gibt es bei berlin-juedisch.de drei Touren:

Mascha Kaléko im Scheunenviertel

Dieser Rundgang führt zu Orten ihrer Jugendzeit, erzählt vom Leben einfacher Leute, vom Leben in der Großstadt und von ihrer ersten Ehe mit Saul Kaléko sowie ersten literarischen Erfolgen.
Dauer: etwa 2 Stunden.

Julinacht an der Gedächtniskirche

führt zu Orten der literarischen Avantgarde und Kaffeehauskultur, macht Berlin als kulturelle Metropole der 20iger Jahre und zeigt einige Orte, an die sich Mascha Kaléko in der Emigration zurück erinnert und endet an der Gedenktafel, die ihr gewidmet ist.
Dauer: etwa 2 Stunden.

S-Bahn-Tour vom Scheunenviertel nach Charlottenburg

Diese Tour schlägt den Bogen zwischen beiden Themen. Eine Café-Pause mit Gedichten ist möglich.
Dauer: ca 3 ½ Stunden.

Weitere Informationen und Buchung: info@berlin-juedisch.de
info@berlin-juedisch.de
Mascha Kaléko mit Chemjo Vinaver
Mascha Kaléko mit Chemjo Vinaver
Führungen zu

Mascha Kaléko in Berlin